Hazel, Carme und ein Geständnis

 

Nun stehe ich da und zeige euch ein selbstgenähtes Webware-Outfit, bestehend aus Hose und Bluse. Hätte mir das jemand vor zwei Jahren prophezeit, als ich mit meinem Blog startete (letzte Woche hat die kleine Schnecke ganz leise Geburtstag gefeiert 😉 – Wahnsinn, schon 2 Jahre), ich hätte es nicht für möglich gehalten. Ich, die chaotische und improvisierende „Jersey-Tante“ …

Nach zwei Jahren ist Zeit für ein kleines Geständnis: Ich bin nicht ganz so chaotisch und stümperhaft, wie ich mich gerne gebe, ich bin eine heimliche Perfektionistin. So, jetzt ist es raus. 😉 Gerade das Outfit meines heutigen Posts hat mir das mal wieder gezeigt.

Ich war sehr lange so perfektionistisch, dass ich lieber nichts gemacht oder gewagt habe, als zu riskieren, dass Fehler passieren könnten oder dass es meinen (zu) hohen Erwartungen an mich nicht gerecht werden würde. Das konnte auf Dauer nicht gut gehen, ging es auch nicht – und in der schwersten Krise habe ich meine Kreativität zurückgefunden und gespürt und erlebt, dass das Machen und Gestalten so viel wichtiger ist als ein (perfektes) Resultat. In dieser Zeit habe ich das Nähen entdeckt. Und meine Masche vom chaotischen Stümpern und Improvisieren war – im Nachhinein betrachtet – überlebenswichtig für meine Kreativität. Inzwischen habe ich die Gabe zum chaotischen Improvisieren und stümperhaften „Einfach-mal-drauflos-Wagen“ (inzwischen natürlich perfektioniert 😉 ) liebgewonnen und als wichtige Bestandteile in mein Leben und mein kreatives Tun integriert.

Und voilà, der Hang zum Perfektionismus durfte zurückkommen und kam zurück. Und der Mut zur Lücke kann dann auch mal sagen: So, jetzt ist aber gut, mehr geht gerade nicht, das ist in diesem Moment perfekt genug. Und ja, ich liebe es inzwischen, mit Webware zu arbeiten – ich mag die Genauigkeit und Konzentration, die Webware erfordert. Und ich komme gut damit klar, dass es längst noch nicht perfekt ist, freue mich aber, zu sehen, wie ich mich steigern kann.

Das Hosen-Projekt von Danie aka prülla und die Carme Blouse von Pauline Alice als Januar-Herausforderung des  I choose you sew-Projekts von Dominique aka kreamino und Sindy aka meingewissesetwas kamen da wie gerufen. Zumal sich die beiden Projekte (dank Verzögerungen durch das Leben 1.0) plötzlich ganz wunderbar zusammenfügten, als die Stoffe nebeneinander lagen und sich vor meinem inneren Augen anfingen, Bilder zu formen.

Die Carme Blouse hatte mich gleich mit den Biesen, das ist voll meins. Meine einzigen Bedenken galten dem Kragen – zu Recht wie sich bei einer ersten Anprobe herausstellte: Ich hatte das Gefühl, keine Luft zu kriegen. Vielleicht gebe ich der hochgeschlossenen Schnittführung bei einem nächsten Versuch noch einmal eine Chance, aber hier macht mich das Weglassen des Kragens und die etwas weitere Ausschnittlinie (Handgelenk mal Pi, Improvisieren und mutig einfach mal Schneiden kann ich immer noch 😉 ) richtig glücklich. Ansonsten habe ich lediglich den Abnäher tiefer gesetzt, mehr Änderungen bedurfte es nicht.

Eigentlich ist die Carme Blouse nicht besonders schwierig zu nähen. Die Biesen erfordern genaues Arbeiten, Knopfleiste und Manschetten brauchen auch ihre Zeit. Ich brauchte noch mehr Zeit, weil ich – dem wieder erwachten Perfektionismus sei dank – gefühlt jede Naht mindestens zweimal genäht habe. Dazwischen habe ich natürlich aufgetrennt: mit sehr sehr grosser Sorgfalt, denn Double Gauze und Auftrennen ist ja immer so eine Geschichte für sich. Aber yeah, dem Endprodukt ist das viele Auftrennen nicht anzusehen. Ich war selbst ganz erstaunt über meine Geduld beim Auftrennen, Heften, Nähen – die neue Gelassenheit zahlt sich aus. Perfekt ist meine Carme nicht geworden, aber perfekt genug, dass ich sie mag, sehr sogar.

Eine Hose mit Schlag ist genau so meins wie eine Bluse mit Biese. Dass die Hose Hazel auch noch hüftig sitzt: perfekt. Bereits die erste Probehose im Probenähen (aus alter und sehr bunter Bettwäsche und entsprechend sehr lustig) sass auf Anhieb. Für die zweite Hose orderte ich aus einer spontanen Laune heraus braunen Feincord – der dann just neben der blaugrünen Double Gauze lag und so wunderbar passte. Der vernähte Feincord ist sehr weich und leicht elastisch (auch ohne Elasthan-Anteil), es zeigte sich sehr schnell, dass ich deshalb Weite herausnehmen musste, um die Hose später nicht zu verlieren. Ein dritter Abnäher am Po und etwas mehr Nahtzugabe an den Seitennähten schufen Abhilfe. Mein Tipp fürs Hosennähen: immer erst heften, anprobieren und erst dann nähen. Denn eigentlich ist so eine Hose keine Hexerei.

Mit der Knopfleiste, den lässigen aufgesetzten Taschen und den Gürtelschlaufen ist Hazel wohl eine richtige (Ausgeh-)Hose, aber einfacher zu nähen als eine Jeans mit allem drum und dran. Die Schwierigkeit beim Hosennähen ist die Sache mit der Passform: Aber ganz ehrlich, Hosen kaufen ist diesbezüglich oft auch kein Spass. Je nach Stoffqualität und eigenen Proportionen braucht es da einen Abnäher mehr oder etwas mehr Weite. Und dafür braucht es etwas Geduld, evtl. eine Probehose (ohne Taschen, Knopflöcher, Gürtelschlaufen erstaunlich schnell genäht) und regelmässige Zwischenanproben. Da kommt mir die Mischung aus Freude am Improvisieren und der Geduld der Perfektionistin zugute. 😉

 

In meinem Kopf setzte sich die Idee fest, dass unser grünes Fahrrad, das wir von meinem Vater geerbt haben und hier heissgeliebt wird, mit aufs Bild muss. Für die Bilder bin ich einfach mal nach dem Mittagessen mit dem Herzensmann zurück zur Arbeit mitgefahren, um vor der ersten irgendwie passenden Wand Bilder zu machen. Und das war perfekt!

Ich wünsche euch Mut zur Hose und Mut zur Lücke, habt Freude bei dem, was ihr macht!
Kathrin

Schnitte: Hose Hazel von Prülla (der Schnitt wurde mir im Rahmen des Probenähens zur Verfügung gestellt) I Carme Blouse von Pauline Alice Patterns
Stoffe: Double Gauze grünblau aus dem Stoffbüro (leider ausverkauft) I Feincord braun von Der Stoff Handel
verlinkt bei: RUMS

10 Gedanken zu „Hazel, Carme und ein Geständnis

  1. Lee

    Ein perfektes Outfit genau so wie es ist. Hose und Bluse passen so gut zu einander und alles zusammen richtig gut zu dir. Ich würde sagen es hätte nicht besser laufen können.
    Liebe Grüße,
    Lee

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  2. Anke/mojoanma

    Sehr stimming liebe Kathrin, obwohl Hazel nicht mein Fall ist finde ich die Beispiele die ich bisher gesehen habe wirklich klasse. Und hier bei dir in den Farben & in der Kombi mit dieser wunderschönen Bluse…. <3
    Liebste Grüße
    Anke

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  3. Doro

    Bluse und Hose ergeben zusammen ein wunderschönes Outfit! Und machen Lust auf Frühling – und die Fotos Lust auf ausgedehnte Radtouren …
    Genauigkeit, Geduld und Webware sind nicht wirklich meine Freunde, aber es stimmt, damit wird das Nähen regelrecht zelebriert. Ich sollte es mal wieder angehen …
    Liebe Grüße von Doro

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  4. Steffi/herzekleid

    Ein wunderschönes Outfit und zwei richtige Lieblingsteile! Die Bluse finde ich ganz umwerfend schön (und ich liebe diesen Stoff in dieser Farbe, vernähe ihn auch gerade…). Die Hose passt wunderbar zu Dir und die Farbkombination ist perfekt. Da komm ich richtig ins Schwärmen… 😉
    Ich finde übrigens, dass das Nähen (Stricken… etc.) genau die richtige Übungsfläche ist für das „Einfach mal drauflos Wagen“, jedenfalls geht es mir so, dass ich mich beim Nähen eigentlich immer traue, alles mögliche auszuprobieren (in anderen Lebensbereichen könnte ich das noch mehr brauchen…), denn was kann schon passieren. Und die vermeintlich nicht perfekten Stücke sind oft die am meisten gemochten. So ist das Leben wohl.
    Herzliche Grüße,
    Steffi

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  5. Andrea / frau hein

    Perfektes Outfit, alles sitzt, tolle Stoffwahl!!! An eine Hose wage ich mich auch bald mal, aber Hazel mit Schlag ist für meine Waden wahrscheinlich besser als Gloria… bin gespannt!!!
    Wirklich schöne Bilder, Gruss an deinen Mann! 🙂
    Liebe Grüße! 😘

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  6. Jenny

    Huhu,
    das ist mal ein richtig tolles Outfit geworden! 🙂
    Ich teile mit Dir den Hang zum Perfektionismus, bin im Gegensatz allerdings total ängstlich was Jersey anbelangt! Bei Webware kann man, abgesehen von sehr feinen Stoffen, so häufig Nähte auftrennen, wie es die perfekte Naht verlangt, aber bei Jersey ist dann schnipp-schnapp die Nahtzugabe abgeschnitten. Aber auch ich habe mich jetzt einfach dazu durchgerungen und das Ergebnis ist eine mega bequeme Jogginghose, die zwar nicht perfekt ist, aber so kuschelig <3
    Als nächstes versuche ich dann die Hazel, Hüft- und Schlaghose – genau mein Geschmack! 🙂

    Liebe Grüße
    Jenny

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  7. Kerstin

    Ein ganz tolles Outfit und ein wunderbarer Blogbeitrag. Ich musste an vielen Stellen schmunzeln.
    Das Problem mit dem Perfektionismus kenne ich. Auf der einen Seite sehr hilfreich, weil man die Liebe zum Detail und die viele Mühe die man in alles hineinsteckt sieht. Auf der anderen Seite kann einem der eigene Drang zum Perfektionieren auch ganz schön im Weg stehen und kostet unheimlich viel Kraft – und damit meine ich nicht nur das Nähen 🙂

    Schön, dass du deine Balance gefunden hast. Dein Outfit ist jedenfalls PERFEKT! Und ich bin ganz schön neidisch. Ich fürchte an eine Jeans traue ich mich nicht nochmal ran. Nach dem letzten Versuch war ich einfach total gefrustet….

    LG,
    Kerstin

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  8. Ani Lorak

    Hm – sieht gut aus. Ich kann das mit der Perfektion nachvollziehen und dem sich manchmal selbst im WEg stehen, aber ich habe auch akzeptiert, dass ich über manches nicht hinwegsehen kann und das es dann so ist und ich dann trenne und mich erneut daran wage oder mich trenne und es verschenke. Hazel ist nicht so meins, aber irgendwann werde ich auch sicher eine Hose nähen. Gerade bin ich bei den Kleidern, Schnitte und Stoffe kaufen geht so schnell, jetzt muss ich mal loslegen. Wie Du – einfach machen und weniger grübeln, ob ich es mag oder nicht sondern sich darauf einlassen, auch auf einen möglichen Fail. In diesem Sinne… bist nicht allein.

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  9. Sabina Durscher

    Boah…echt toll ist dein Outfit geworden. Deine Bluse find ich genial – ich muss wohl den Schnitt mal genauer studieren (und wohl auch kaufen;-)). Viel Freude mit deinen coolen Teilen.
    Liebi Grüess
    Sabina

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