Über Knoten und die Zeit

dscf4613_edited-klIn der See- und Luftfahrt wird die Geschwindigkeit in Knoten gemessen. Die Zahl der Knoten, die einer bestimmten Zeit zurückgelegt wird, ergibt die Geschwindigkeit. Und im Alltag, so scheint mir, misst sich die Geschwindigkeit zuweilen auch in Knoten: So viele Knoten, die es zu lösen gilt in – wie uns scheint – viel zu schnell verfliegender Zeit, so dass noch mehr Knoten entstehen, die sich wieder verheddern. Und je mehr Knoten an einem Tag oder in einer Woche sich bilden, desto schneller läuft die Zeit, desto mehr komme ich ausser Atem.

dscf4590_edited-klIch kann mich sehr gut erinnern an die verhedderten Springseile oder die verflixten Knoten in den Schnürsenkeln in der Kindheit und wie ich geflucht und ungeduldig gezerrt habe in der Hoffnung, so den Knoten zu lösen. Okay, manchmal ist das auch jetzt noch so. Und ich erinnere mich, wie meine Mutter mich jeweils kurz vor der Verzweiflung aufgefordert hat, ihr den Knoten zum Lösen zu geben – und sie hat’s immer geschafft, relativ rasch: mit Geduld, einer dicken Wollnadel, einer Analyse der Verhedderung und dann schön naadisnaa, Stück für Stück. Ja, bei Knoten ist Geduld nach wie vor nicht meine Stärke, aber inzwischen weiss ich (theoretisch), dass es schneller geht, wenn der Knoten die Geschwindigkeit vorgibt und nicht meine Ungeduld und das Gefühl, keine Zeit zu haben.

dscf4598_edited-kldscf4596_edited-klAuch das Knotenkleid hat im ersten Anlauf ein paar Hirnknoten verursacht. Es war eines meiner allerersten Kleider, die ich für mich genäht hatte, und meine Motivation war gross. Ich hatte Tutorials gelesen, über dem Schnittmuster getüftelt und das Knoten-Oberteil angepasst, mich zwischendurch für diese Schnapsidee, gleich mit diesem Kleid anzufangen, verflucht – aber: Ich habe mir die Zeit genommen, habe probiert, aufgetrennt, geändert und nochmals aufgetrennt. Der Herzensmann, definitiv der Geduldigere von uns zweien, staunte über meine Ausdauer mit dem Knoten. Und ich auch über mich selber. Das Kleid passte, ich hatte unwahrscheinlich viel gelernt – und ich war stolz.dscf4594_edited-klLetzten Sommer ist dann das zweite Knotenkleid in der Sommerkleidversion entstanden, diesmal schon ein bisschen rascher. Mit der letzten Naht war aber irgendwie der Sommer vorüber und das neue Kleid landete im Schrank. Es war die falsche Zeit. Ursprünglich wollte ich das Kleid für den Nähmob3 hervorholen, aber nordseetauglich war anders. Und dann kam Dominique ziemlich spontan in die Schweiz, es war hochsommerlich warm und wir beide dachten sogleich an unsere Knotenkleider, beide aus den BigDots, einmal in Blau, einmal in Marsala. Die Zeit war nun da. Zeit für das doppelte Lottchen, Teil 2.

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Auf einem Sommerabendspaziergang zeigte ich Dominique Zürich, „unsere“ Stadt. Und die Sache mit der Zeit war eines der vielen Themen, über die wir dabei philosophierten. Denn mir fiel (mal wieder) auf, dass ich viel zu selten mit innerer Ruhe und Zeit in Zürich bin. Meist hetze ich da zu einem Termin, erledige zig Punkte meiner to do-Liste, renne Turnschlappen für die Kinder und anderen mehr oder wichtigen Dingen nach. Und mit dieser Zeit, einfach durch die Gassen zu spazieren, Ecken zu entdecken, aufs Wasser zu schauen, mit dem Limmatschiff zu fahren, ist mir auch wieder einmal aufgefallen, wie schön Zürich sein kann. Wie schön es ist, Zeit zu haben, weil ich sie mir nehme – und wie sich da der eine oder andere Knoten quasi in Lichtgeschwindigkeit auflöst. Und am Fuss der imposanten Grossmünstertürme wird so vieles relativiert. Ja, ich sollte definitiv weniger häufig ‚keine Zeit haben‘ und mir stattdessen Zeit nehmen – und die Anzahl Knoten pro Zeiteinheit wird automatisch weniger. Es war ein wunderschöner Sommerabend mit unendlich viel geschenkter Zeit. Danke dir, Dominique!

dscf4586_edited-klNach ein paar ziemlich verflixt und mehrfach verknoteten und verhedderten Tagen bin ich gerade dabei, naadisnaa all die Schlingen zu finden und lösen, Schritt für Schritt, indem ich die Knoten die Geschwindigkeit vorgeben lasse. Ich übe mich in Geduld und im Zeit-Haben. Und wenn ich mich das nächste mal wieder verheddere (und dieses nächste Mal kommt bestimmt und wahrscheinlich schneller als mir lieb ist), erinnere ich mich an Knoten und Freundschaft zurück, ans Zeitnehmen und Zeithaben. Vielleicht mache ich mir dazu einen Knoten ins Taschentuch. 😉

dscf4602_edited-kldscf4608_edited-klIch bin dann mal Knoten lösen und machen und grüsse euch herzlich

Kathrin

Schnitt: Knotenkleid Onion 2022 mit Änderungen

Stoff: BigDots rauchblau von Lillestoff

verlinkt bei: RUMS, ich näh Bio

19 Gedanken zu „Über Knoten und die Zeit

  1. Fina FinasIdeen

    Ein wunderschönes Kleid,das dir (bzw. euch) ganz toll steht!!!! Den Stoff mag ich auch sehr, bin immer um ihn herum geschlichen, aber gekauft habe ich ihn nicht- es gibt zu viel in meinem Schrank, was abgearbeitet werden möchte 😉
    Liebe Grüße
    Fina

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  2. metterlink

    Ein wunderschönes Kleid, wunderschöne Bilder von euch beiden und ein wunderschöner Text! Ja, oft bleiben einem im Alltagsstress die schönen Dinge verborgen. Manchmal braucht man da einen Schupfer von außen, um sie wahrzunehmen.
    Liebe Grüße,
    Marina

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    1. Kathrin Artikelautor

      Danke dir, liebe Marina – und ich habe Dominique schon gesagt, sie solle ihrem Schweizer Kunden einen Deluxe-Service anbieten, damit sie öfters kommt 😁
      Glg Kathrin

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  3. Julia

    In der Ruhe liegt die Kraft…So sagt man ja immer…Und so ist es auch!
    Doch wenn man sich ärgert, dann muss dieser ja irgendwohin und meist verschwindet die Frustenergie in der Verfestigung der Knoten, wie du so schön schreibst, quasi als Ironie in der Gesamtsituation… Haha…Jetzt bekommst du ihn niemals auf…Weil du dran rumgezerrt hast!!!
    So ist es ja auch beim Nähen. Wenn man, mal eben schnell, etwas nähen möchte, so geht das meist schief…
    Und wenn man mal ehrlich ist, das meiste von dem, was man so gehetzt runterrattert, ist doch gar nicht den Stress wert!
    Die Kinder werden so schnell groß, da sollte man die Zeit genießen, die man hat und Tempo rausnehmen.

    Ich bin also dabei, beim zurückfahren und in Ruhe weitermachen…
    Ein sehr schönes Kleid hast du dir gezaubert!

    Liebe Grüße
    Julia

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    1. Kathrin Artikelautor

      Danke dir, liebe Julia, für deine Worte. Ja, eigentlich wissen wir es und doch vergessen wir es immer wieder – der Knoten im Taschentuch oder Kleid schadet da bestimmt nicht 😉
      Lg Kathrin

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  4. Franzisca

    Ich mache gerade bei Dir die Runde 😀 Das Kleid steht Dir (bzw. euch) wie angegossen! Ein richtig schönes Sommerkleid!
    Das Knotenthema haben wir auch.. Gestern beim Mittelkind die pure akute Verzweiflung mit vielen Frusttränen die in alle Richtungen spritzten und allgemein bei mir die vielfältigsten sonstigen Knoten (ohne Tränen. Meistens jedenfalls.) Mir helfen da manchmal klassische To-Do-Listen auf Papier zum Durchstreichen. Für den Überblick und die Effizienz. Da können dann manchmal auch schon bereits erledigte Sachen draufkommen, die dann gleich abgehakt werden können. So für die Motivation. 😉

    Liebe Grüsse,
    Franzisca

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    1. Kathrin Artikelautor

      Danke dir, liebe Franzisca! Bei mir sorgen die to do-Listen auf Papier, auf die ich jahrelang geschworen habe, für mehr Knoten. Aber inzwischen habe ich diesen Knoten gelöst 😉 und akzeptiert, dass diese Methode bei mir nicht funktioniert. Trial and error und viel Geduld … 😉
      Lg Kathrin

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  5. Eveline

    Kathrin, dein Text ist wunderschön und ich mag, dass du mitten aus dem Leben schreibst! Es freut mich, dass sich die Knoten allmählich lösen und etwas weniger Schuhe/Hüte zu tragen und nicht für alles Zeit zu haben, hilft sicher auch das Knotengewirr zu verringern.Du machst das toll, dass du dir immer wieder Zeiten und Inseln für dich schaffst!
    Doch nun zu den Kleidern: Der Schnitt steht dir super! Und auch den Stoff mag ich unglaublich gerne an dir! Ist mal eine andere Farbe, die du aber gut tragen kannst. Und in Kombination mit dem Jäckchen ist das Outfit einfach perfekt. Hach und ihr zwei zusammen macht euch wunderschön in euren Kleidern!
    En sunnige Gruess
    Eveline

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  6. Ivonne

    Liebe Kathrin,

    nicht nur ein wundervolles Kleid, sondern auch noch ein wundervoller Text dazu. Ich bin begeistert!
    Ich neige zeitweise auch zur Ungeduld und rede mir ein mit gesteigerter Effizienz mehr zu schaffen. Ein völlig falscher Ansatz. Stattdessen nun naadisnaa 😉

    In diesem Sinne,
    Herzliche Grüße aus Dresden!
    Ivonne

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  7. Ulrike

    Zauberhaft wie immer und so schön geschrieben! Ich habe euch gerade schon bei Kreamino bewundert und ärgere mich ein bisschen, dass ich nicht früher über diesen Kleiderschnitt gestolpert bin. Der wäre perfekt gewesen für diesen Sommer… zu spääääät!
    Und, ach ja, die Knoten und die Zeit und überhaupt… wenn nur nicht immer diese fiese Ungeduld wäre und der Wunsch, dies und das und jenes noch zu schaffen und zwar – bitteschön – perfekt! Eigentlich weiß man’s besser, und dennoch… 😉
    Liebe Grüße, Ulrike

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  8. Chris "nixmitglitter"

    Liebe Kathrin,
    dein Knotenkleid ist wirklich toll geworden. Mir gefällt dieser Knotenausschnitt ja auch super gut. Ich glaube im nächsten Sommer muss ich den jetzt auch mal ausprobieren. Falls sich in meinem Hirn dann auch ein Knoten bildet, wende ich mich vertrauensvoll an dich.
    Liebe Grüße
    Chris

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  9. Catharina

    Dein Knotenkleid ist wunderschön! Das würde ich direkt auch so nehmen. Die Farbe ist toll und steht dir richtig gut. Ich muss mir dringend auch eins nähen. Hier liegt sogar noch ein Stück von den Dots herum…
    Liebe Grüße,
    Catharina

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  10. Kirsten

    Liebe Kathrin, wieder so ein schön zu lesender Blogbeitrag und eure wunderbaren Kleider geraten (fast) in den Hintergrund. Ich würde mich ja niemals trauen einen Knoten in den Stoff zu drehen, aber es sieht sehr feminin aus. Das steht Dir total gut. Obwohl bei den Farben hätte ich doch glatt gedacht, ihr habt die Kleider getauscht. Marsala hätte ich eindeutig Dir zugeordnet und das blau zu Dominique. Ihr seht aber klasse aus.
    LG Kirsten

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  11. KreaMino

    😊 ich wünsche dir Zeit für alle die dir lieb sind , ich wünsche dir Zeit dich treiben zu lassen und zu genießen, ich wünsche dir Zeit Momente zu sammeln und keine Dinge, denn Zeit ist das einzige was bleibt.
    Vielen Dank für diesen tollen Zürichabend 😊

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  12. Regula

    hoi Kathrin
    hmm ja, mir gehts auch so mit den Knoten. Merkwürdigerweise bin ich meist schneller, wenn ich nicht hetze… komische Sache das. Und trotzdem meine ich immer wieder, pressieren zu müssen.
    Knotenkleid steht dir super und hilft hoffentlich beim „Zeit haben“. Die riesengrossen Dots finde ich auch ganz toll!
    Liebe Grüsse,
    Regula

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  13. Ani Lorak

    Steht auch beiden gut und kann mich nur anschließen, ich lese gerne bei Dir. Auch ich bin ungeduldig und argh – aber manchmal übe ich mich in Geduld und dann klappt es auch. Das Kleid steht Dir richtig gut und mit Leggins und Strickjacke rettest Du es auch in den Herbst. Schöner Schnitt! Wenn ich mal die Schnitte abgearbeitet und die Stoffe vernäht, dann kommt das an die Reihe… Zürich ist wunderschön, so wie ich mich erinnere. Ja – mann sollte öfter Tourist daheim sein! Eine schönen Wochenstart!

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