Flamingo auf einem Bein

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Flamingo, luschtigs Läbe – Flamingo, nie elei – Flamingo, schöni Vögel – Flamingo, uf eim Bei … summt es in meinem Kopf, sitzt als Wurm in meinem Ohr. Diesmal nicht, weil unsere Kinder die Schlieremer Chind rauf und runter hören, sondern wegen meines neuen Sommerrocks.

Eigentlich wollte ich in den Sommerpausenmodus umschalten und nach und nach – naadisnaa – und ohne Druck nähen und bloggen oder auch nicht. naadisnaa ein bisschen vom Flugzeugmodus der letzten Wochen in den Schneckenmodus wechseln – klingt eigentlich nach einem guten Plan. Nur planen und ich, das ist so eine Sache: Mehr und bessere Planung wünschte ich mir oft; wenn es mir dann aber mal gelingt, habe ich ein sicheres Händchen dafür, die Planung selbst durcheinanderzubringen oder den Joker „hat nicht sollen sein“ zu ziehen. Manchmal aber entpuppt sich dieser Joker im Nachhinein als „es sollte genau so sein“.

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„Oh, ist der toll!“ habe ich vor etwa drei Wochen einen Stoff auf Instagram bei Lara von 1000stoff kommentiert. Ich weiss noch, ich habe meinen Insta-Feed geladen und dieses Bild tauchte als erstes auf und entlockte mir gleich ein Wow: leuchtende Farben – rot, orange, pink, koralle – auf schwarz, Flamingos. Das schrie nach Sommer, Leichtigkeit und Fröhlichkeit. Und so ergab es sich, dass die Flamingos von Berlin zu mir geflattert kamen, um mit mir einen weiteren Ausflug auf der Expedition #naadisnaagoeswebstoff zu unternehmen.

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Nur, ich stand da gerade auf einem Bein – da war kein Platz mehr für zwei Füsse – zwischen Dreckwäschebergen, angefangenen Nähprojekten, zwischen all den Utensilien, welche die Kinder in der ganzen Wohnung verteilen (Socken unter oder auf dem Esstisch, Playmobil-Figuren im Badezimmer, unausgepacktes Schwimmzeug im Flur, Haarbürsten in der Küche, Flipflops neben der Nähmaschine (!) und Zeichenschablonen auf meinem Nachttisch). Also eher Wackelflamingo im sumpfigen Morast …

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Wenigstens war der Plan schnell gemacht: Ein luftige Frau Lilia aus den Flamingos plus ein farblich passendes Shirt Frau Josy. Als nächstes galt es Prioritäten zu setzen: Flamingos first. Plan A: Wäsche, Haushalt, Grundkurs Ordnunghalten für Kinder musste über den Haufen geworfen werden. Plan B: Müdigkeit und Kopfweh war nicht vorgesehen, also nicht relevant. Plan C: Nähen! klappte fast reibungslos – das Schrägband, um den Rocksaum zu verstürzen, fehlte. Also wurde Plan C um den Punkt Besuch im örtlichen Stoffladen erweitert – mit der Folge, dass der Plan plötzlich noch ein weiteres Shirt vorsah, da im Laden neben dem Schrägband der perfekt zu den Flamingos passende Jersey lag.

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Ich sag’s ja, ich bin Weltmeisterin darin, mir selber Pläne durcheinanderzubringen und mir so einzubrocken, dass ich im Flugzeugmodus (inkl. Turbulenzen) durch den Alltag wirbeln darf. Der Flugverkehrslotse in mir sagte dann: Dann nähe wenigstens ohne Schnickschnack nach einem bewährten Schnitt: Ein Raglanshirt Raffinessa. Beim Einfädeln der Overlock fiel mir eine einzelne Kone korallenes Garn in die Hände, das ich gleich zum hellgrauen Garn dazugab – und da war schon der nächste Plan: Ich tobe mich dann mal mit falschen Covernähten aus. Und auch wenn das Chaos inzwischen so gross war, dass ich nur noch mit einer kleinen Flamingozehe irgendwo hätte abstehen können, so zeichnete sich schon während des Nähens ab, dass es wohl mal wieder genau so sein sollte.

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Der vernähte Baumwoll-Webstoff ist von normal fester und hochwertiger Qualität und somit vielseitig einsetzbar. Ich war überrascht, wie geschmeidig er sich anfühlt; er ist quer zum Fadenlauf sogar leicht dehnbar. Nichts mit „gstabig“ (steif) – wie ich „normale“ Baumwollwebstoffe bis jetzt erlebt hatte und was ein Grund für meine Webstoffphobie war. Zudem fällt der Stoff so weich, dass ich vor dem Vernähen nicht einmal bügeln musste – und somit auch nicht mein Bügelbrett unter Stoff- und Schnittmusterstapeln hervorgraben musste. Was ich gelernt habe: Es ist einfach Gold wert, Webstoffe befühlen zu können, um sich eine Vorstellung zu machen. Da dies aber nicht immer möglich ist, habe ich nun – schon wieder einen 😉 – Plan, mir eine Kartei aus Stoffrestchen mit genauen Angaben zu Produzent, Art, Gewicht, … zusammenzustellen, die mir dann hoffentlich behilflich sein wird, wenn ich mal wieder am Bildschirm rätsle, was ich mir darunter vorstellen muss.

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Und wie der Phönix (von griechisch: phoinix für purpurrot – also durchaus flamingoähnlich) aus der Asche entflog der Flamingo am Montagmorgen dem häuslichen Chaos weg ins Paradies: zwei Stunden allein mit dem Herzensmann unterwegs mit dem Fahrrad durchs Naturschutzgebiet dem Flughafengelände nach. Und ungeplant hatten wir eine Ferienzeit voller Leichtigkeit und Fröhlichkeit. Ich glaube, ich hätte noch viel länger einfach auf einem Bein in der Gegend rumstehen und schauen und lachen und balancieren können. Und dank der grossen Rocktaschen ist das besonders gemütlich. Übrigens: Ich hatte drei Paar Schuhe dabei fürs Shooting (gute Planung), aber barfuss war viiiiel besser. 😉

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Auch das Vernähen von Webstoffen finde ich ähnlich entspannend wie das Stehen auf einem Bein mitten in einem Tümpel: Sinnlich, entschleunigend, meditativ. Ich finde es nicht schwieriger, es erfordert einfach mehr vom Flamingo-Modus. Wobei #nähenistwieFlamingoaufeinemBein für mich wohl grundsätzlich gilt. 😉

Flamingo, lustigs Läbe, Flamingo uf eim Bei …

Die Rasselbande hört übrigens gerade ein Zirkus-Lied mit diesem Refrain rauf und runter, der perfekt zum Alltag der Zirkusdirektorin im „Familienzirkus“ passt:

Es isch immer die gliichi Gschicht, nume mit Balance, nume mit Gliichgwicht, häsch du e Chance

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Und mit diesem zweiten Ohrwurm stelle mich nun einbeinig und gelassen meinen Wäschebergen – mit viel flamingöser Gelassenheit 😉 und die wünsche ich euch auch!

Kathrin

Stoffe:

Robert Kaufman Baumwoll-Stoff, Flamingos Urban Zoologie von 1000stoff, der Stoff wurde mir im Rahmen meines Projektes #naadisnaagoeswebstoff zur Verfügung gestellt, um ein Designbeispiel zu nähen.

Bio Jersey uni Rote Beete aus dem Stoffbüro

Jersey Jaro/Swafing, koralle meliert

Schnitte:

Rock Frau Lilia von Hedinäht

Trägershirt Frau Josy von schnittreif

Raglanshirt Raffinessa von Elsterglück

verlinkt bei: RUMS

 

 

Liedtexte: „de Flamingo“, Schlieremer Chind I „Nume mit Gliichgwicht“, Andrew Bond

6 Gedanken zu „Flamingo auf einem Bein

  1. AniLorak

    Der Rock gefällt mir. Frau Lilis steht Dir gut. Liegt auch noch hier zum Nähen sowie das KimonoTee, Frau Julie und am liebsten Frau Fannie noch. Arbeite heute und morgen noch, dann muss ich packen und vorher waschen und und und…Fahren Sonntagfrüh in den Urlaub aber wohin….na erdt nach Kroatien aber dann…hach auch ich hinke der Planung sehr hinterher.. Schönes hast Du genäht und so ist es eben kommste halt von ‚ Höcksken auf Stöcksen’… Frau Josy steht Dir sehr gut. Hatte auch Beispiele gesehen, wo die Ärmel nicht sitzen… Gerade der rote Beete Ton steht Dir sehr! Offener Saum begeistert mich… Hach, einfach schön!

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  2. Lara 1000stoff

    Sieht super aus! Steht Dir großartig und ist auch ein toller Schnitt. Und es passiert, was passieren musste. Erst denke ich zwar, dass es ein tolles Projekt für andere ist, für mich allerdings zu bunt. Und jetzt will ich unbedingt auch so einen Rock haben!!!
    Mal sehen, was sich vor meinem Urlaub noch so alles schaffen lässt…:-)
    Liebe Grüße, Lara

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  3. Liesylotta

    Ich finde den Stoff so lustig und toll und für diesen Rock einfach voll passend. Ist dir echt gelungen und was mir super gut gefällt, sind deine tollen Kombinationen der Shirts dazu.
    Ich bin da weniger mutig.
    Liebe Grüße
    Martina

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  4. Kirsten

    Wahnsinn, wieder tolle Nähwerke und ein wunderbar schön zu lesender Blogbeitrag. Behalte deinen Flugmodus bitte bei, die schaffen es doch auch immer ruhig und straight durch die Turbulenzen durchzukommen. Wenn es danach so kreativ und wunderschön aussieht , brauchst Du keine erholsames Schneckentempo. Die plant bestimmt auch nicht, wo sie abends sein will, wenn sie morgens loszieht 🙂
    Liebe Grüße, Kirsten

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