Traumpfeile für mich …

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Manchmal gibt es diese Momente im Leben, da fliegen einem aus ganz verschiedenen Richtungen Pfeile mit gleichen und ähnlichen Motiven zu und verdichten so einen Gedanken, eine Idee, eine Frage. Und mit einem Mal werden Träume, auf die wir gehofft haben, fassbar, und Wege, auf die wir vertraut haben, gangbar. Kreise können sich schliessen.

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Wir haben als Familie turbulente und schwierige Jahre hinter uns. Viele Momente waren von Angst, Verzweiflung, Trauer geprägt und dennoch, ganz tief in uns vertrauten wir, dass es schon gut kommt, dass Türen aufgehen werden, wenn es sein soll. Und dass wir nie aufhören sollten zu träumen …

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Anfang dieses Jahres hatte Dagmar alias Zwirnguin zusammen mit Silvia von der Eulenmeisterei auf Instagram zur #Indianerchallenge aufgerufen, gesucht war eine Geschichte einer kleinen mutigen Indianerin. Ich war sofort begeistert von dieser schönen Idee, aber … manchmal sind diese ‚Aber‘ – keine Zeit, viel Stress, keine Idee, … – übergross. Ein paar Tage später, die ‚Aber‘ waren nach wie vor sehr laut, zeigte Dagmar die Illustration einer kleinen Squaw von Ziska alias Nestgezwitscher, welche die Indianerchallenge spontan zu einem richtigen Gemeinschaftsprojekt werden liess. Und diese Zeichnung hat mich verzaubert. Diese drei tollen Frauen, dieses Projekt, diese Zeichnung, ja, es hat mich nicht mehr losgelassen, aber … ihr wisst schon. Am Montag, eigentlich wollte ich einen Mittagsschlaf machen, fand ich keine Ruhe, ich musste einfach schreiben. Denn eigentlich schreibe ich sehr gerne, auch wenn ich es viel zu selten und schon viel zu lange nicht mehr gemacht habe. Das war jetzt einfach der Anstoss, definitiv lauter als all die Aber. Anfangs wollte ich meine Geschichte gar nicht einsenden, es ging mir einfach darum, dass mich die Freude am Schreiben wieder gepackt hatte; so habe ich die Geschichte vor allem auch für meine Kinder geschrieben. Und das ist für mich persönlich mein wichtigster und schönster Gewinn. Unser Sohn hatte mir dann spät abends das Versprechen abgenommen, die Geschichte an Dagmar zu schicken. Das musste wohl genau so sein – denn die Geschichte gefiel ihr, ihrer Tochter und Silvia so gut, dass sie zu den beiden Gewinnergeschichten gehörte.

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Geschrieben habe ich über das Träumen, die Kraft von Träumen und über das Vertrauen in Träume.

Und kurz nachdem die Geschichte bei Dagmar auf dem Blog erschienen ist, hat sich für meinen Mann der Traum, Beruf und Leidenschaft zu verbinden, erfüllt. Damit ist für die ganze Familie ein Traum in Erfüllung gegangen, dass wir nach Jahren der Unsicherheit wieder Raum erhalten, unsere Zukunft zu gestalten und weiter zu träumen und auf Träume zu hören.

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Den wunderschönen Double Gauze mit den Traumpfeilen, den ich bei der Indianerchallenge gewonnen habe, wollte ich unbedingt für mich selbst vernähen. Aus einem Meter ein ganzes Kleidungsstück für mich herauszubringen, war nicht ganz einfach – aber ich habe am Traum von einer Bluse für mich einfach festgehalten und geduldigt gepuzzelt und mich dann einfach gewagt. Genäht habe ich das Blusenshirt von Lillesol&Pelle mit ein paar Änderungen und Anpassungen: Die Ärmellänge hat sich aus dem vorhandenen Stoff ergeben ;-), die Ärmel und den Bund habe mit einem Tunnelzug versehen, den Kragen habe ich weggelassen und die Ausschnittform etwas angepasst und mit einem Schrägband versäubert. Das Schrägband fand ich in meinen Schätzen, ich hatte dies immer aufgespart für ein besonderes Projekt – hier hat es nun perfekt gepasst.

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Ich möchte noch einmal ganz herzlich Dagmar, Silvia und Ziska danken für ihr wundervolles Gemeinschaftsprojekt und ihr Engagement. Vielen Dank an Silvia für den wunderschönen Stoff, vielen Dank an Dagmar und Ziska, die mir ihre Bilder zur Verfügung gestellt haben, um meine Geschichte heute auch hier auf meinem Blog damit illustrieren zu können.

Und nun natürlich noch einmal meine Geschichte vom Indianermädchen Träumender Stern:

 

Träumender Stern

In einer klaren Frühlingsnacht, unter einem alles umspannenden Himmelszelt voller Sternen erblickte,

ein kleines Indianermädchen das Licht der Welt. Ihre Eltern staunten, wie fein und zart dieses Mädchen war, das schon bald mit grossen dunklen Augen neugierig und staunend um sich blickte und sie alle verzauberte. Ihre Grossmutter war eine alte weise Indianerin mit einem Gesicht voller Falten und Runzeln, von denen jede eine Geschichte über die Schönheit und die Geheimnisse des Lebens erzählte. Sie nahm das Mädchen in ihre Arme, blickte in seine Augen und schloss es in ihr Herz: „Du sollst Träumender Stern heissen, du bist so zauberhaft wie die Sterne dieser Nacht und deine Augen sehen mehr als nur das Sichtbare.“

Das Mädchen wuchs heran, es blieb zart und fein, sass gerne bei seiner Grossmutter, lauschte ihren Geschichten und beobachtete konzentriert ihre Hände, welche wunderschönste Muster stickten und so den Kleidungsstücken und Gegenständen Seele und Geschichten einhauchten. Es war ihr, als erzählten die Farben, Fäden und Stiche von den Wundern der Welt.

Fasziniert schaute Träumender Stern den anderen Indianerkindern ihres Stammes beim Spielen und Toben, Klettern und Reiten zu. Sie bewunderte ihren Mut und ihre Abenteuerlust. „Komm, spiel mit uns, Träumender Stern!“ riefen sie ihr zu. Manchmal sprang sie auf und zu den Kindern hin, spielte und lachte mit. Manchmal spielte und tobte und lachte ihre Seele und ihr Herz vom Zuschauen schon so fest mit den anderen Kindern mit, dass es ihr den Atem raubte und sie nicht anders konnte, als einfach stehen zu bleiben und zu schauen. Die Kinder riefen: „He, Träumender Stern, wo bleibst du? Komm zu uns, spiele mit uns! Komm, träume nicht, spiele mit!“ Sie kamen und wollten sie an der Hand nehmen, doch sie blieb einfach stehen – oder zog sich ins Zelt zu ihrer Grossmutter zurück, um sich auszuruhen. Und schon bald stickte sie ganz geschickt all die Abenteuer und Spiele, die in ihr drin waren, farbenfroh ins Leder.

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Meistens war Träumender Stern zufrieden und glücklich. Manchmal aber war sie sehr traurig und dachte: „Warum nur kann ich nicht mit den anderen Kindern zu spielen? Ich wünschte mir das doch so sehr. Warum bin ich nicht so mutig wie die anderen, die auf Felsen klettern, mit Pfeil und Bogen schiessen, Bäche stauen, toben und laufen und reiten? Indianermädchen müssen doch mutig sein.“ Manchmal war sie sogar richtig wütend, dass sie so anders war, so wütend, dass sie ihr Stickzeug in die Ecke warf, schimpfte und mit ihrer Grossmutter, ihren Eltern und Geschwistern stritt, obwohl sie das gar nicht wollte. Und dann war sie noch trauriger und fühlte sich ganz allein.

Einmal, als sie so wütend und traurig zugleich war, rannte sie aus dem Zeltdorf hinunter zum Bach und setzte sich da weinend auf einen Stein im Schatten eines Strauches. Plötzlich spürte sie ein Stupsen und dann ein tröstendes Kratzen am Rücken. Vor lauter Tränen sah sie kaum aus ihren Augen, aber da war eine kleine Pfote, und eine leise Stimme flüsterte: „Hallo Träumender Stern, du musst nicht traurig sein, ich bin bei dir. Komm, lass uns zusammen spielen!“ Und tatsächlich, da sass ein kleiner Waschbär neben ihr, lachte sie an und nahm ihre Hand. Voll Freude sprang Träumender Stern auf und hüpfte mit dem kleinen Waschbär dem Bach entlang. Sie entdeckten ganz viele Blumen, staunten über buntschillernde Käfer, spritzten und planschten mit den Fischen. Und sie erzählten einander Geschichten und lauschten den Geschichten, welche der Bach vor sich hin plätscherte und der Wind ihnen in die Ohren säuselte.

Als sie am Abend ins Zeltdorf zurückkehrte, lächelte sie und war einfach nur glücklich. Müde legte sie sich hin und schlief gleich ein. Und wieder war da der Waschbär, mit dem sie über die Steine am Bach tanzte und lachte. Und plötzlich vernahmen Träumender Stern und der kleine Waschbär ein Rauschen, spürten einen Luftzug und nahmen einen grossen Schatten wahr. Über ihnen kreiste ein grosser stolzer Adler. Erschreckt kauerten Träumender Stern und der Waschbär sich zusammen und machten sich ganz klein, doch der Adler rief: „Habt keine Angst! Ich mache euch nichts! Alle fürchten sich vor mir wegen meiner langen spitzen Krallen. Dabei möchte ich euch doch nur von all den Wundern und Geheimnissen erzählen, die ich auf meinen Flügen entdecke und sehe. Das ist so wundervoll, dass ich das teilen und erzählen möchte. Es ist traurig, wenn nur ich von all dem weiss. Kommt mit mir mit!“

Als Träumender Stern am Morgen von den Sonnenstrahlen wach gekitzelt wurde, sprang sie auf, rannte zum Bach – und da kreiste tatsächlich ein grosser Adler, der ihr mit seinen mächtigen Schwingen schon zuwinkte. Und zu dritt gingen Träumender Stern, der kleine Waschbär und der grosse Adler auf Reisen. Sie reisten an verzauberte Orte, flogen mit dem Wind, entdeckten unbekannte Welten, tauchten ein in ihre Phantasie. Sie lernten neue Freunde kennen und bestritten mit ihnen wunderbare Abenteuer. Abends kehrten sie an den Bach zurück und Träumender Stern lief geschwind heim, um von ihren Abenteuern zu erzählen.

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Die anderen Indianerkinder schüttelten den Kopf über ihre Geschichten, spotteten sie eine Träumerin. „Komm schon, dass sind nur Träume, die bringen nichts, aber wirklich gar nichts. Fang besser mit uns Fische, lerne mit Pfeil und Bogen schiessen, sei mutig! Als ob Tiere sprechen würden, ha! Was interessiert uns schon das andere Ende der Welt, so eine Zeitverschwendung!“

Traurig verkroch sich Träumender Stern im Zelt bei ihrer Grossmutter hinter ihrer Stickarbeit. Unter ihren Händen entstand ein Adler mit imposanten Schwingen, der plötzlich zu ihr aufschaute, sie anstrahlte und ihr zurief: „Genau dich habe ich gesucht! Ein mutiges Menschenkind, das mit mir in die Welt der Wunder eintaucht!“ Ihr wurde ganz warm ums Herz und ihre Hände hüpften vor Freude und stickten weiter, bunte, reich verzierte Pfeile wuchsen Stich um Stich durch ihre Hände. Und der Adler raunte ihr zu: „Diese Pfeile tragen Träume zu dir, denn du hast den Mut, ihnen zu folgen und von ihnen zu erzählen. So wie es einen Bogen braucht, um Pfeile auf ihren Flug zu schicken, so brauchen die Träume mutige Menschenkinder wie dich, um wahr zu werden, um den Menschen Mut zu machen, um ihnen zu zeigen, wie unsere Welt auch noch sein könnte.“

Lächelnd sass Träumender Stern am Feuer und stickte, was sie sah, hörte und spürte.

Ihre Grossmutter betrachtete ihre Enkeltochter Träumender Stern still und ihr Herz lachte. Ja, Träumender Stern war wirklich ein mutiges Indianermädchen. Träumender Stern hatte den Mut, in neue Welten einzutauchen, auch Unsichtbares zu sehen. In ihrem zarten Wesen steckten Adlerkräfte und Waschbärenneugier und grosser Indianermut, zu träumen, Träumen zu folgen und zu vertrauen und andere Menschen mitzunehmen in das Reich der Phantasie, der Wunder und des Zaubers.

Zusammen mit ihrer Grossmutter nähte sie aus ihren Stickarbeiten ein wunderschönes Kleid, übervoll verziert mit Traumpfeilen, Federn aus den Schwingen des grossen Adlers, neugierigen Waschbärenaugen und Farben, die von ihren Abenteuern erzählen. In diesem Traumkleid zog sie zusammen mit ihren beiden Freunden, dem grossen Adler und dem kleinen Waschbär, los und brachte den anderen Indianern die Gabe, zu träumen und in die farbenfrohe Welt der Phantasie einzutauchen. Und mit ihren geschickten Händen lehrte sie die anderen, kunstvolle Traumfänger anzufertigen, so dass die Träume besser zu ihnen fanden.

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Träumt schön!

Kathrin

 

Stoff: BIRCH Double Gauze Bio „Archery Shroom“, ein Geschenk der Eulenmeisterei

Schnitt: lillesol women No.6 Blusenshirt Webware mit Änderungen, Lillesol & Pelle

verlinkt bei: RUMS

12 Gedanken zu „Traumpfeile für mich …

  1. Lee

    Wunderschöne Geschichten…die geschrieben wie auch deine echte. Toll wenn Träume in Erfüllung gehen!
    Und super schöne Bluse!
    Liebe Grüße,
    Lee

    Antworten
    1. Kathrin Artikelautor

      Danke dir, es freut mich, dass die Geschichte dir gefällt. Ja, an Träumen geduldig und leise festzuhalten ist manchmal der schwierigere Weg, aber auf jeden Fall, einer der es wert ist, ihn zu gehen.
      Mit lieben Grüssen
      Kathrin

      Antworten
  2. mojoanma

    Ach, so schön 🙂
    Du hast recht manchmal öffnen sich Türen zur rechten Zeit.
    Deine Bluse ist sehr schön geworden, das mit dem Gummi im Saum finde ich besonders gut – habe die Teile für diese Bluse schon zugeschnitten, Tagelang hier herum liegen – weil ich mich nicht so recht ran traue…
    Aber jetzt 😉
    Liebe Grüsse
    Anke

    Antworten
    1. Kathrin Artikelautor

      Danke dir, liebe Anke,
      es erfüllt uns echt mit grosser Dankbarkeit, dass sich für uns alle gerade überall kleine und grosse Türen öffnen. Der Weg dahin forderte uns viel Vertrauen und Geduld ab, aber es war der richtige.
      Nun bin ich gespannt auf deine Bluse … einfach ‚ran, vieles kannst du während des Nähens noch entscheiden – so zumindest mache ich das oft.
      Mit lieben Grüssen
      Kathrin

      Antworten
  3. Ann Christin

    Ach, schön! Es freut mich für Euch, dass Euer Wunsch \Traum in Erfüllung gegangen ist! Und gerade wenn man gar nicht mehr daran glaubt, öffnen sich oft neue Türen!
    Genießt es!
    Die Bluse steht Dir ganz toll und Dein Sohn hat alles richtig gemacht;) Super!!!
    Habt schöne Ostern und LG Ann Christin

    Antworten
  4. Dagmar

    Ich weiß noch genau wie ich sie das erste Mal vorgelesen habe – Begeisterung pur!
    Ein wundervoller Text und ich glaube genau so ist es im Leben! Alles zu seiner Zeit….

    Ganz lieben Dank für diese wundervolles Geschichte, Dein Talent zu schreiben hast Du damit mehr als bewiesen !!!

    Ich drücke Dich und wünsche Dir und Deinen Lieben Frohe Ostern!!!

    Dagmar

    Antworten
  5. FrauAlberta

    Liebe Kathrin,
    ich wollte deinen Post in Ruhe lesen, jetzt war es soweit…
    Zu gerne würde ich dir jetzt gegenüber sitzen und dich erzählen lassen von offenen und geschlossenen Türen, vom Aushalten dieses Zustandes und wie ihr damit umgegangen seid… Ich höre so gerne solche Geschichten.
    Seine Träume zu leben erfordert manchmal ganz schön Mut, umso schöner wenn man es dann erleben darf.
    Liebe Grüße und schöne Rest-Ostern,
    Anika

    Antworten
  6. Änni

    Die Bluse ist so schön wie die Geschichte! Ich dachte ja immer, ich komme um den Schnitt herum, aber jetzt sieht es nicht mehr danach aus 😉
    Liebe Grüße, Änni

    Antworten
    1. Kathrin Artikelautor

      Wenn sogar ich Blusenmuffel den Schnitt nähe … 😉 Vielen Dank für deine lieben Worte und glg Kathrin

      Antworten

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